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Schweiz «Die neue Regelung wird den Betroffenen gerechter»

Das Bundesgericht bricht mit der pauschalen Annahme, dass psychomatische Schmerzen überwindbar seien und nicht zu einer IV-Rente berechtigten. Der Psychologe Niklas Baer begrüsst das Urteil: Denn jeder Fall müsse individuell betrachtet werden.

Legende: Video IV-Renten für psychosomatische Leiden abspielen. Laufzeit 1:11 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 17.06.2015.

SRF News: Herr Baer, begrüssen Sie es grundsätzlich, dass Ärzte nun die Kriterien erarbeiten können, ob ein Mensch arbeitsunfähig ist oder nicht?

Niklas Baer: Grundsätzlich begrüsse ich das sehr. Nun bekommt die ärztliche Abklärung bei Schmerzpatienten wieder ein stärkeres Gewicht. Das ist wichtig, denn dieses Urteil ist eine grosse Chance – für alle: Die Betroffenen, aber auch die Gesellschaft und die Gültigkeit der Gutachten. Die verschiedenen ärztlichen Abklärungen und Gutachten bezüglich der Arbeitsfähigkeit von psychisch Kranken streuen ziemlich weit. Wenn man künftig gültigere Resultate bekommt – mit klareren Kriterien und einem strukturierten Verfahren – wäre allen geholfen.

Bis zu diesem Urteil galt seit 11 Jahren für alle die gleiche Regel: Schmerzen sind im Normalfall überwindbar. Ausnahmen gab es nur wenige. Jetzt soll jeder Fall individuell nach einem neuen, noch zu erarbeitenden Raster beurteilt werden. Kann man zusammengefasst sagen: Das neue Urteil wird den betroffenen Menschen gerechter?

Davon gehe ich aus. Die pauschale Vermutung, dass alle Menschen, die diese Krankheit haben, diese auch überwinden können, fällt weg.

Denn so einfach ist es nicht. Die Arbeitsfähigkeit ist nicht 1:1 an eine Diagnose gebunden. Es gibt Personen, die etwa eine Schizophrenie haben und arbeiten können. Andere wiederum nicht. Dasselbe gilt für alle anderen Diagnosen. Die individuelle Beurteilung wird den Betroffenen gerechter.

Wie schwierig ist es festzustellen, ob jemand arbeitsfähig ist oder nicht?

Das ist tatsächlich nicht einfach. Die Defizite und die Symptome – also, die Dinge, die die betroffene Person bei der Arbeit nicht mehr erledigen kann – spielen eine Rolle.

Dazu kommt der Schweregrad und der Verlauf der Erkrankung. Sind bereits Therapien und Eingliederungsbemühungen gescheitert, obwohl sie gut durchgeführt wurden?

Auch die Persönlichkeit der Versicherten spielt eine sehr grosse Rolle. Das alles ist nicht einfach zu fassen. Wie erwerbsfähig eine Person ist, hängt schliesslich auch davon ab, wie sie stark sie unterstützt wird. Auch sehr schwer Kranke können teilerwerbsfähig sein, wenn man sehr viel für sie macht.

Die medizinischen Fachgesellschaften sollen jetzt Leitlinien aufstellen, nach denen festgestellt werden kann, ob eine Schmerzstörung vorliegt und ob ein Mensch damit arbeiten kann. Wie werden diese Leitlinien erarbeitet?

Darauf bin ich selbst gespannt. Man kann sicher sagen, dass es kein einfaches Unterfangen wird. Das ist aber auch die Chance: Dass man fachlich in der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit generell weiterkommt, nicht nur bei der Beurteilung von Schmerzstörungen. Wichtig ist, dass die Fachgesellschaften diese Aufgabe unter Berücksichtigung anderer Spezialisten interdisziplinär angehen.

Das Gespräch führte Ivana Privakovic.

Zur Person

Zur Person

Der Basler Psychologe Niklas Baer ist Leiter der Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation der Psychiatrie Baselland. Er beschäftigt sich seit zwei Jahrzehnten mit der Arbeitsintegration von Menschen mit psychischen Störungen.

Mehrkosten für die IV?

Mehrkosten für die IV?

Politiker wie CVP-Nationalrätin Ruth Humbel befürchten nun Mehrkosten für die IV. Deren Direktor Stefan Ritler kann dies in einer ersten Stellungnahme allerdings nicht bestätigen. Immerhin ist er froh über das Urteil: Nun könne wieder der Einzelfall geprüft werden. Hören Sie den Beitrag aus «Echo der Zeit».

4 Kommentare

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  • Kommentar von Riet Caspescha, 7504 Pontresina
    Danke, für die überfällige Berichtigung des Gesetzes. Schämen sollten sich alle die das unbeschreibliche Leid betroffener Menschen in den vergangenen zehn Jahren zu verantworten haben. Gerichte, Versicherungs Ärzte, Politiker, Sozialvorsteher, die IV, alle Menschen die ohne Empatie oder soziale Empfindungen harsträubende Urteile über die Leidenden Menschen gefällt haben. Leben in der reichsten Demokratie der Welt ohne Mitgefühl für die Ärmsten, die Konsequenzen sind nicht absehbar.
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  • Kommentar von Beat Gurzeler, Winterthur
    Vor Jahren sagte einmal ein Arzt zu mir, Schmerzen kann praktisch jeder überwinden, ich fragte Ihn ob er einen " grossen Eisenhammer habe ", er fragte zurück warum, ich würde Ihm einen wenig auf seinen Finger herumkloppfen, seine Antwort sind sie verückt geworden, ich zu Ihm nein aber Sie sagen praktisch alle können das, er kam im Spital nie mehr bei mir vorbei.
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  • Kommentar von M. Fischer, Buchs
    Ein weiterer zögerlicher Schritt auf fruchtbarem Boden. Viel Land liegt noch vor uns, und manchmal wünschte ich mir das auch die IV für den individuell Beeinträchtigten überwindbar wäre. Von der Geburt bis zum Tod am Existenzminimum, das will keiner, und hilft auch keinem.
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    1. Antwort von A.Käser, Zürich
      M.F./JEDER einzelne Mensch sollte wählen können,ob er sein"Leben"auf diesem Planeten absolvieren,oder sich lieber gleich wieder abmelden möchte.Plädiere deshalb für die Legalisierung des Freitodes,von Alter und Gesundheit unabhängig,mittels einem adäquaten,zuverlässig wirkenden Mittel(z.B.Natrium-Pentobarbital).Es soll jeder Mensch selbst entscheiden können,ob er seine(oftmals durch Menschen beeinflussten)Lebensbedingungen tragen will.Was die Religionen verbreiten,ist schlichtweg Unsinn.
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