Zum Inhalt springen

Islamistischer Extremismus Tun die Muslime in der Schweiz genug?

Legende: Audio ETH-Studie nimmt die muslimische Gemeinde unter die Lupe abspielen. Laufzeit 4:08 Minuten.
4:08 min, aus Echo der Zeit vom 08.11.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Müssen sich Muslime in der Schweiz stärker gegen islamistischen Extremismus zur Wehr setzen? Dieser Frage sind zwei ETH-Forscher in einer Studie nachgegangen.
  • Die Forscher verweisen unter anderem auf den Umstand, dass es die muslimische Gemeinschaft bisher nicht geschafft hat, mit einer Stimme zu sprechen.
  • Grund dafür sind die vielen ethnisch geprägten Dachverbände, die sich aber in verschiedenen Kantonen gegen innen und aussen klar gegen Gewalt ausgesprochen hätten.

Der Vorwurf, muslimische Organisationen in der Schweiz seien untätig im Kampf gegen islamistischen Extremismus, ist nicht zulässig. Das findet Fabien Merz, der am Center for Security Studies der ETH Zürich forscht.

Er verweist darauf, dass die muslimischen Dachverbände in verschiedenen Kantonen mehrfach und eindeutig Gewalt im Namen der Religion verurteilt haben. Zudem hätten zwei schweizweite albanisch-islamische Organisationen Anfang Jahr eine umfassende Erklärung gegen Gewalt, Hass und Extremismus veröffentlicht.

Vertrauensbildende Massnahmen

Solche öffentlichen Erklärungen seien wichtig, sagt Fabien Merz: «Man distanziert sich von Gewalt und von Extremismus und signalisiert das der breiteren Öffentlichkeit, aber eben auch seinen eigenen Mitgliedern.» Den Muslimen werde deutlich gemacht, dass Gewalt nicht akzeptabel sei.

Und gleichzeitig soll zur Schweizer Mehrheitsgesellschaft Vertrauen aufgebaut werden. Solche Massnahmen hälfen mit, negative Vorurteile gegenüber Muslimen abzubauen, sagt Merz. So würden potenzielle Ausgrenzung und Stigmatisierung verhindert.

Draht zu den Behörden

Um gewalttätigem Extremismus erfolgreich entgegenzuwirken, ist aber auch die Zusammenarbeit zwischen muslimischen Organisationen und den staatlichen Behörden ganz wichtig.

Zürich sei hier sicher ein gutes Beispiel, erklärt Merz. Denn es gebe einerseits einen engagierten kantonalen Dachverband, die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ). Anderseits sei man auf Seiten der Behörden sehr darum bemüht, gute Beziehungen zu Vertretern muslimischer Organisationen aufrechtzuerhalten.

Zu erwähnen wäre da etwa die Fachstelle «Brückenbauer» der Kantonspolizei Zürich. Aber nicht überall funktioniere diese Zusammenarbeit so gut. ETH-Forscher Merz, der zusammen mit seinem Kollegen Darius Farman systematisch das Engagement der muslimischen Verbände untersucht und viele Gespräche geführt hat, sieht auch weitere kritische Punkte.

Imam im Dilemma

So ist es in der Praxis eine heikle Frage, wie sich ein Imam verhalten soll, wenn er feststellt, dass extremistisch denkende Personen seine Moschee besuchen. Eigentlich sollte er solche Leute den Behörden melden.

Merz weist diesbezüglich auf die Zweifelsfälle hin, wo sich ein Imam nicht ganz sicher ist. Stelle sich die Meldung als Fehlalarm heraus, werde das sicherlich negative Folgen für den Stand des Imams in der Glaubensgemeinschaft haben. Und das sei dann schlussendlich in niemandes Interesse.

Gemeinschaft ist stark zersplittert

Generell kommen die ETH-Forscher zum Schluss, dass die muslimischen Organisationen in ihren Bemühungen gegen Extremismus noch schlagkräftiger, effizienter und schneller sein könnten.

Das werde bislang aber dadurch behindert, dass viele muslimische Organisationen unter Geldmangel litten. Zudem sei die muslimische Gemeinschaft stark zersplittert in verschiedene, ethnisch geprägte Dachverbände – albanische, bosnische, türkische, arabische und weitere.

Das führt dazu, dass die Muslime in der Schweiz nicht mit einer Stimme sprechen können.
Autor: Fabien MerzCenter for Security Studies, ETH Zürich

«Das führt dann unter anderem dazu, dass die Muslime in der Schweiz eigentlich nicht mit einer Stimme sprechen können», bemerkt Merz. So könne es je nach Organisation der muslimischen Gemeinschaften in den Kantonen für die Behörden schwierig sein, den geeigneten Ansprechpartner zu finden: «Das kann dann gerade im Bereich der Prävention problematisch sein.»

Gleichstellung mit Landeskirchen als Lösung?

Gefragt sind also klarere Strukturen bei den muslimischen Organisationen. Dieser Schritt ist den Verbandsfunktionären bislang noch nicht gelungen.

Die ETH-Forscher können sich aber vorstellen, dass eine öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islam zu klareren Strukturen führen könnte. Wenn also muslimische Organisationen ähnlich wie die Landeskirchen behandelt würden. Allerdings ist dieses Ansinnen in den meisten Kantonen politisch sehr umstritten.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

18 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Barbara Lampérth (Luk 12/3)
    Es ist nicht an uns, die Gründe (und Ausreden) zu liefern, wieso die Muslime nicht mehr tun. Für mich ist logisch: sie haben selber Angst, und noch mehr als wir gute Gründe dafür! Solange wir nicht selber klar sind und alle religiös begründete (Frauen- und Mädchen-) Diskriminierung verbieten können wir keineswegs von nicht extremistischen Muslimen erwarten mehr zu tun als versuchen, bloss nicht aufzufallen, weder uns noch den Extremisten in ihren Reihen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Aber man schaue in den Nahen Osten. Da kämpfen u. a. eben Muslime auch gegen Muslime. Sunniten gegen Schiiten usw. Meine, keine Religion ist heute so gespalten, wie diese. Und im Gegensatz zu muslimisch geprägten Ländern, gehören bei uns Religionskriege längst der Vergangenheit an.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von kurt trionfini (kt)
    Das Unbekannte lädt ein zur uferlosen Spekulation über das, was sein könnte. Das Einschätzbare lädt ein zum differenzierten Umgang mit dem, was ist. (Auch bei Polizeiberichten...). Wer Spekulieren will braucht keine Studien. Wer den Stand der Dinge einschätzen will ist froh darum. In dem Sinn: Die Studie macht Sinn.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Beat Reuteler (br)
    Ich glaube dass niemand daran interessiert sein sollte dass sich die Islamischen Splittergruppen zusammenschliessen und mit einer Sprache sprechen. Denn wenn das passiert steigt das Risiko dass diese Organisation von den Extremen vereinnahmt wird ins undefinierbare. Im status quo ist es wenigstens so dass die Vereinnnahmung irgend einer Splittergruppe nicht sofort zu einem Machtfaktor im Land mutiert.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen