Kampf für die Gleichstellung – ein alter Zopf?

Seit 20 Jahren gilt das Gleichstellungsgesetz, das vor Diskriminierung in der Arbeitswelt schützen soll. Trotzdem sind Frauen in Kaderpositionen nach wie vor untervertreten und verdienen oft nicht gleichviel wie ihre Kollegen. Für die Jüngeren scheint das aber kein grosses Thema zu sein.

Männer- und Frauenbeine rund um ein Stehtischchen.

Bildlegende: Aufgrund des Geschlechts darf niemand diskriminiert werden. So steht es seit 20 Jahren im Gesetz. Keystone

Alltag im Berner Bahnhof: Frauen und Männer, Junge und Alte sind unterwegs, warten oder essen schnell etwas zu Mittag. Die zwei 17-jährigen Gymnasiastinnen sitzen über ihren Hamburgern und sagen: Klar kennen sie das Thema Gleichstellung, aus der Schule – doch in ihren jeweiligen Leben spielt es keine grosse Rolle.

«Ich habe gemerkt, dass es jetzt mehr akzeptiert wird, dass alle gleichgestellt sind. Die Vorstellung, dass Männer besser sind in Mathematik und Frauen besser mit Familie, verschwindet langsam», sagt eine von ihnen.

Für die beiden jungen Frauen gilt, wie die andere sagt: «Wenn man fähig ist, hat man ungefähr dieselben Chancen.» Auch die drei Jahre ältere Bundesangestellte ein paar Meter weiter sagt, dass sie Gleichstellungsfragen nicht aufregen könnten, im Gegenteil: «Wir Frauen können uns in der heutigen Zeit absolut glücklich schätzen. Ich fühle mich nicht benachteiligt.»

Männer müssen für Teilzeitpensen kämpfen

Bei den etwas älteren Semestern, die die grossen Debatten und Demonstrationen in den Achtziger- und Neunzigerjahren aktiv miterlebt haben, klingt das anders. Sie reagieren sensibel auf die Frage, ob Frauen und Männer heute die gleichen Chancen hätten.

Das Thema sei alles andere als erledigt, findet die 57-jährige Lehrerin, nicht nur für die Frauen: «Manchmal habe ich das Gefühl, es sind eher die Männer, die kämpfen – zum Beispiel dafür, dass sie zu ihrem Recht kommen, weniger zu arbeiten, und für die Akzeptanz in der Gesellschaft, ein Familienmensch zu sein.»

Die noch ältere Dame – sie ist 75-jährig – hat ein Leben lang das klassische Rollenbild als nicht berufstätige Frau, die ihrem Mann den Rücken freihält, gelebt. Heute findet sie: «Wenn man hier Kinder hat, sieht man schon, wie schwer es Frauen haben, mit dem Lohn oder auch mit Teilzeitarbeit durchzukommen. Es ist einfach immer noch schwierig für viele.» Deshalb sollten die Frauen wieder auf die Strasse gehen und demonstrieren, so wie früher.

Eine Frau muss «ihren Mann stehen»

Und wie sehen Männer die Geschlechterdebatte im Jahr 2016? «In der Schweiz ist die Gleichberechtigung auf einem sehr guten Weg», ist ein 19-jähriger Jusstudent überzeugt. Er kennt das Thema von zahlreichen kontroversen Diskussionen am Familientisch bestens.

Auch der Mittfünfziger aus Deutschland, der immer wieder in der Schweiz Halt macht, weiss um die gesetzlich verankerte Gleichstellung von Männern und Frauen in der Bundesverfassung. «Ich sehe aber auch, dass viele Frauen in der Schweiz gestresst sind. Sie müssen viele Funktionen gleichzeitig erfüllen: beruflich erfolgreich sein, Kinder erziehen, sportlich sein, gut aussehen. Hier hat eine Frau doch häufig das Gefühl, sie müsse beruflich ihren Mann stehen.»

Die Frauen in Deutschland seien da tendenziell entspannter, meint er. 45 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts und nach 20 Jahren Gleichstellungsgesetz ist die Gleichbehandlung von Mann und Frau ein paar Schritte weiter – aber noch lange nicht am Ziel.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Claudia Kaufmann.

    Im Tagesgespräch: Claudia Kaufmann und die Gleichstellungspolitik

    Aus Rendez-vous vom 11.2.2016

    Vor 25 Jahren fand die Frauensession statt, vor 20 Jahren ist das Gleichstellungsgesetz in Kraft getreten: «Madame Egalité» Claudia Kaufmann blickt im Tagesgespräch bei Marc Lehmann auf die Schweizer Gleichstellungspolitik zurück und benennt die Probleme der Gegenwart.