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Schweiz Leid der Verdingkinder soll auf den Tisch

Ein Runder Tisch soll das Leid von Verdingkindern und anderer Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen historisch und rechtlich aufarbeiten. Doch die Organisationen der Betroffenen sind skeptisch. Sie befürchten, dass ihre Stimme zu wenig Gewicht erhält.

Legende: Video Entschädigung für Verdingkinder abspielen. Laufzeit 2:06 Minuten.
Aus Tagesschau vom 12.05.2013.

«Wir können nicht länger wegschauen. Denn genau das haben wir bereits viel zu lange getan», sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga am 11. April dieses Jahres. Ehemalige Verdingkinder und Fremdplatzierte hatten sich lange nach diesem Tag gesehnt. Am Gedenkanlass für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen entschuldigte sich Sommaruga im Namen der Landesregierung bei allen Opfern von Zwangsmassnahmen. 

Viele Betroffene schöpften Hoffnung, dass ihr Leid endlich auf politischer Ebene aufgearbeitet wird. Sommaruga lancierte einen Runden Tisch, wo über alle Aspekte gesprochen werden soll. Doch bereits vor dem ersten Zusammentreffen herrscht bei den Opferorganisationen grosse Skepsis. 

Rückzug vom Runden Tisch 

Walter Zwahlen hat die Konsequenzen bereits gezogen. Sein Verein «netzwerk verdingt», den ehemalige Verdingkinder gegründet haben, verweigert die Teilnahme am Runden Tisch. Die Organisation stört sich insbesondere daran, dass Vertreter der katholischen Kirche am Tisch sitzen – einer Institution, die nicht bereit sei, die Geschichte aufzuarbeiten.

Zwahlen spricht zwar nicht im Namen aller Verdingkinder, doch er leitet deren grösste organisierte Gruppe. «Der Entscheid im Verein fiel einstimmig», sagte er. «Wir setzen uns nicht mit Bremsern, Verhinderern und Laien an den Runden Tisch.»

Der Dialog in dieser Konzeption bringe ihnen nichts, sagt Zwahlen. «Es braucht eine kleine Gruppe mit Experten und Betroffenen, welche die Ziele definiert, nicht ein Palavergremium.» Sein Verein werde nun stattdessen auf der juristischen Schiene fahren. 

Verständnis, aber... 

Die Skepsis gegenüber den Behördenvertretern ist auch im Verein «Rehabilitierung der administrativ Versorgten» (Ravia) gross. Sie hätten Verständnis für den Rückzug der Verdingkinder-Vertreter. Trotzdem sei ein Austritt aus dem Gremium keine Lösung, sagte Ravia-Präsident Chris Pöschmann. «Wenn wir unsere Anliegen durchsetzen wollen, müssen wir uns am Runden Tisch dafür einsetzen.»

«Das Ungleichgewicht im Gremium löst Angst aus», sagt auch Thomas Huonker, der den Verein Fremdplatziert vertritt. Der Historiker verlangt, dass mehr Betroffene einbezogen werden. 

«Das Problem ist, dass viele Betroffene gar nicht oder nur in schwachen Vereinen vertreten sind», sagt Huonker. Demgegenüber seien die «Täterorganisationen» – die Gemeinden, die Heimverbände, die Kirchen, der Bauernstand – finanziell gut ausgerüstet.

Fakt ist: Auf alt Ständerat Hansruedi Stadler wartet viel Arbeit. Als Delegierter für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen leitet er den Runden Tisch und soll sich um sämtliche offene Fragen in dieser Thematik kümmern.

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Tom Duran, Basel
    In erster Linie geht es darum, die Behörden von damals anzuklagen. Die haben rechtswidrig und gegen jegliches Menschenrecht Leute deportiert und zwangssterilisiert! Ganz im Sinne einer rassenreinen Gesellschaft! Das war also nicht nur in Deutschland IN. Daraus lernen sollen die heutigen Beamten und Politiker: die sind Leute wie wir. Anscheinend hocken die aber immer noch auf einem Thron und meinen uns bevormunden zu können. Das darf nicht sein! Und ja, gebt den Geschändeten genug Geld!
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  • Kommentar von JP.Simon/Nietzscheaner, Bern
    Ich kann den Rückzug vom Runden Tisch nur zu gut begreifen. Sollte die fehlende Auseinandersetzung der kath. Institutionen Tatsache sein, wird wiederum das Exempel statuiert - die Nächstenliebe schon über 2000J. auf die kath. Fahne klatschen und geht es um eigene Fehler, hält man sich fein raus. Man sieht sich offenbar Unfehlbar, und gar wie Jesus gesagt haben soll: »Ihr seid von dem, was unten ist, ich bin von dem, was oben ist; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.«
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  • Kommentar von Peter Rey, Basel
    Ein ganz schwarzes Kapitel unserer Geschichte. Das Leid ist leider nicht mehr rückgängig machbar. Ich kannte persönlich ein Verdingkind (leider schon verstorben) - er musste grösste seelische Qualen durchleben und war bis an sein Lebensende traumatisiert.
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    1. Antwort von Tom Duran, Basel
      Danke. Mein Grossvater war auch ein VK. Er hatte es zwar relativ gut. Doch Liebe und Zuneigung erhält man von fremden "Eltern" halt nicht. Leider haben die Schweiz nichts dazugelernt. Auch heute werden am liebsten die eigenen Mitbürger, die etwas anders sind, schikaniert. IV Rentner, Alte, Junge, Ausländer, egal was. Die Schweizer wollen am liebsten alle ausweisen. Bei so viel Kälte und fehlender Solidarität sehe ich auch heute keinen grossen Unterschied zu damals!
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