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Rassismus in Kita, Schule, Uni «Das Problem ist die schweigende Mehrheit»

Legende: Audio Mehr Meldungen, doch die Dunkelziffer bleibt gross abspielen. Laufzeit 3:59 Minuten.
3:59 min, aus SRF 4 News aktuell vom 09.04.2018.

Die Beratungsstellen für Rassismusopfer haben 2017 im Vergleich zum Vorjahr um die Hälfte mehr Fälle von Rassismus gezählt. Diese haben sich im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft ereignet – vor allem aber in Schweizer Bildungsstätten wie Kitas, Schulen, Universitäten.

Sind unsere Bildungsbeauftragten mit dem Thema überfordert? Oder nehmen sie es zu wenig ernst? Wassilis Kassis, Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich, relativiert: Im Umgang mit Fremdenfeindlichkeit möge etwas weniger mehr sein. Und: Es stünden durchaus nicht nur die Lehrer in der Pflicht.

Wassilis Kassis

Wassilis Kassis

Professor für Pädagogik an der PHZH

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Wassilis Kassis ist Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH). Die Fremdenfeindlichkeit nähert er in seinen Arbeiten aus verschiedenen Blickrichtungen an. So erforscht er beispielsweise soziale Vorurteile unter Jugendlichen, Antisemitismus an Hochschulen, Islamfeindlichkeit an Universitäten oder Resilienz unter Bedingungen der Ausgrenzung.

SRF News: Die Beratungsstellen für Rassismusopfer haben im vergangenen Jahr deutlich mehr Fälle von Fremdenfeindlichkeit gezählt. Hat diese in der Schweiz zugenommen, oder ist bloss die Sensibilisierung gestiegen?

Wassilis Kassis: Man darf nicht vorbehaltlos von einer Zunahme sprechen. Den Daten liegt keine repräsentative Umfrage zugrunde: Die Rückmeldungen haben Beratungsstellen freiwillig erbracht, und die Höhe der Dunkelziffer ist unbekannt. Wir können die Daten aber als Indikatoren dafür nehmen, dass wir uns auch in der Schweiz aktiv mit Fremdenfeindlichkeit auseinandersetzen müssen.

Damit meine ich gerade nicht: die Erkenntnisse, die Beratungsstellen gewonnen haben, auf die lange Bank zu schieben. Sondern – im Gegenteil – den jetzigen Zeitpunkt zu nutzen, um genauer hinzuschauen.

Wie erklären Sie sich, dass das Problem insbesondere unsere Bildungsstätten betrifft?

Fremdenfeindlichkeit ist nicht ein Phänomen, das die Schulen hervorbringen. Sie ist ein gesellschaftliches Phänomen, das auch den Weg in die Schule findet. Man könnte fast fragen: Wie denn auch nicht, wenn doch die Bildungsinstitutionen von der Kita bis zur Universität tragende Säulen unserer Gesellschaft sind?

Wie sollte Fremdenfeindlichkeit den Weg nicht in unsere Bildungsinstitutionen finden?

Dazu beigetragen haben fraglos die Flüchtlingsbewegungen. Auch wenn die Zahl der Flüchtlinge in der Schweiz sicherlich zugenommen hat, aber bei weitem nicht als massiv zu bezeichnen ist, bestimmt die durch sie hervorgerufene Veränderung der Gesellschaft doch unsere Gedanken. Wenn plötzlich andere Leute da sind, gibt es fast zwangsläufig mehr Konflikte. Was das Bildungswesen betrifft, gibt es zwar verschiedene Pädagogische Hochschulen, die sich das Thema auf die Fahne geschrieben haben. Aber das reicht offenbar nicht, um involvierte Lehrer, Eltern und Kinder genügend zu sensibilisieren und schulen.

Wie lässt sich Fremdenfeindlichkeit an unseren Schulen und Bildungseinrichtungen verhindern?

Das Problem ist nicht so sehr die eine Person, die eine fremdenfeindliche Aussage macht, sondern die schweigende Mehrheit. Ähnlich dem Votum von Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Aufgabe der Schulen, der Lehrer, Eltern und Kinder ist es also: fremdenfeindliche Aussagen nicht zu normalisieren, sondern anzusprechen und zu unterbinden. Dafür ist nicht unbedingt eine grossangelegte Bildungsoffensive nötig. Es reicht, das Problem beim Namen zu nennen.

Eine grossangelegte Bildungsoffensive ist nicht unbedingt nötig.

Wird Fremdenfeindlichkeit von den Lehrern zu wenig ernst genommen? Im Lehrplan 21 wird das Thema mit keiner Silbe erwähnt.

Auch wenn das Thema Rassismus nicht im Lehrplan 21 erwähnt ist, die Themenbereiche Politik, Demokratie und Menschenrechte stehen ganz konkret drin: Als Lehrperson habe ich nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, darauf hinzuweisen, dass fremdenfeindliche Aussagen und Taten in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Das sage ich letztlich nicht als Lehrer, sondern als Schweizer Bürger. Die Verfassung untersagt klar jegliche Form der Diskriminierung, dies auch in der Schule.

Ist Fremdenfeindlichkeit nur in Schweizer Schulen ein Problem?

Keineswegs. Wie Studien zeigen, ist unser Land in trauriger internationaler Gesellschaft: Von Kanada bis Russland kommt Fremdenfeindlichkeit in der Kita, der Schule und der Universität vor.

Um noch einmal auf unsere Verfassung zurückzukommen: Dass die Schweiz keine Fremdenfeindlichkeit duldet, legen übrigens auch die Zahlen der Beratungsstellen für Rassismusopfer nahe: So unschön es auch ist, wenn mehr Fälle registriert werden; immerhin haben zahlreiche Menschen den Mut gefunden und/oder die entsprechende Unterstützung erfahren, dass sie erfahrene Fremdenfeindlichkeit gemeldet haben.

Das Gespräch führte Christine Spiess.

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67 Kommentare

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  • Kommentar von Martin Tanner (mikado5034)
    Es wäre ja schon sehr aufschlussreich, wenn man wüsste, wer denn im Kindsgi, in der Schule und an der Uni rassistisch ist. Die Lehrer? Der Universitätsrat? Der Schulabwart? Die Schüler und Studenten? Versucht man jetzt das Problem der Allgemeinheit anzuhängen, in dem "die schweigende Mehrheit" Schuld ist? Hallo? Schuld ist IMMER der Täter. Und darüber schweigt sich der Artikel aus. Dankeschön.
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  • Kommentar von Roger Stahn (jazz)
    Diejenigen die der Ansicht sind, Rassismus sei etwas, was nur vorkomme, wenn Weisse Täter seien und im Einklang mit diesem Unsinn daraus schliessen, dass nur Schwarze oder Andersfarbige zwangsläufig nur Opfer sein können, verkennen die (mörderische) Geschichte und die Herkunft aus welcher Denkrichtung dieser Begriff eigentlich ursprünglich stammt. Kommunismus, Sozialismus, Rassismus sind kollektive Ideologien. Ihnen gilt die Gruppe alles, der Einzelne nichts, kann man derzeit in Südafrika sehen.
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  • Kommentar von Letizia Stefani (Stefani)
    Der Mensch definiert sich als Teil einer Gruppe und verteidigt diese als sein Territorium. Siehe Fussball: 'mein' Tor, 'meine' Mannschaft, 'mein' Land.Dann wird das 'mein' mehr oder weniger spielerisch verteidigt und das 'dein' angegriffen.Es liegt in der Natur des Menschen, das 'mein' als Territorium zu verteidigen gegenüber Menschen, die aufgrund besonderer Faktoren nicht in diese Gruppe passen.Die grosse Kunst liegt in der Balance zwischen 'mein' und 'dein',damit keine Verletzungen entstehen.
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