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Schweiz RAV: Erst abgestempelt, dann überrannt

Bis 1996 mussten Arbeitslose auf die Arbeitsämter stempeln gehen. Dann folgte ein grundlegender Systemwechsel: Stellensuchende sollten professionell beraten statt «abgestempelt» werden. Klingt vernünftig – doch die Idee wurde damals skeptisch betrachtet.

Stellensuchender in einem Westschweizer RAV.
Legende: Die Stellensuche kann ein nervenzehrendes Unterfangen sein: seit 20 Jahren werden Arbeitslose professionell begleitet. Keystone

Die Schweiz gilt bis zu den 1990er-Jahren als Vollbeschäftigungsinsel. Gerade einmal 0,4 Prozent der Bevölkerung sind 1990 als arbeitslos gemeldet. Doch dann kommen die Krisenjahre. Die Immobilienpreise fallen, Banken geraten in Schieflage, die Wirtschaft wächst nur noch minimal. Dazu kommen neue Abgaben wie etwa die Mehrwertsteuer und das Nein des Schweizer Stimmvolks zum EWR-Beitritt.

Das löst bei Schweizer Unternehmen zusätzlich Ängste aus, sie stellen weniger Personal ein oder bauen Stellen ab: Die Arbeitslosigkeit steigt bis 1994 auf 4,7 Prozent – und ruft die Politiker auf den Plan.

Erfolg für die Gewerkschafter

Bereits 1993 fordert die Ratsrechte um FDP-Nationalrat Heinz Allensbach mehr Freiheiten für Unternehmen und mehr Einsatz von den Arbeitnehmern. «Nur der Wille zur Leistung und die Fähigkeit, Spitzenleistungen zu erbringen, wird unserem Land die beeinträchtigte Konkurrenzfähigkeit wiederherstellen können», fordert er in der Grossen Kammer. Allensbachs Rezept: Weniger Geld für Arbeitslose und eine Erweiterung des Begriffs der sogenannt zumutbaren Arbeit.

Die Linke, mit Unterstützung von CSP-Nationalrat und Gewerkschafter Hugo Fasel, stellt sich dem entgegen: «Die Scharfmacherei, wie sie von Herrn Allensbach vorgetragen wurde, verstehe ich nicht. Mit seiner Liste von Abbaumassnahmen zeigt er einmal mehr, dass er nichts verstanden hat.»

Fasels Rezept: zusätzliche Integrationsbemühungen. Noch im gleichen Jahr reicht er eine Motion ein, in der er eine professionellere Beratung für Arbeitslose fordert. Die Arbeitsämter seien überfordert, es brauche eine gezieltere Betreuung der Jobsuchenden.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung

Zwei Jahre später entstehen mit der Revision des Arbeitslosengesetzes die neuen Regionalen Arbeitsvermittlungszentren: Man will weg von der reinen Stempelkontrolle hin zur umfassenden Beratung für Arbeitslose. Zügig – für Schweizer Verhältnisse – nehmen bis Ende 1996 bereits 125 RAV in der ganzen Schweiz den Betrieb auf.

Das erste im Kanton Zürich steht in Uster. Der damalige Leiter Jürg Irman nimmt noch im gleichen Jahr Stellung zur Kritik, die RAV verursachten viel zu hohe Kosten: «Wenn wir die Dauer, in der Geld bezogen wird, im Durchschnitt um sieben Tage reduzieren können, hat sich die Investition bereits gelohnt.»

Um die Jahrtausendwende werden die RAV regelrecht überrannt. Es gibt noch zu wenig Personalberater, deshalb müssen diese wenigen teilweise bis zu 300 Arbeitslose betreuen, 200 mehr als vorgesehen. Die Arbeitsbelastung ist auch heute noch ein Thema. Ende September dieses Jahres betreuten die RAV-Angestellten knapp 143'000 arbeitslose Frauen und Männer.

11 Kommentare

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  • Kommentar von A. Moser (AM)
    Es ist kein Geheimnis (fragt mal bein pensionierten RAV-Kaderleuten nach - die aktuellen werden wohl lieber schweigen und weiter Lohn beziehen), dass die RAV's gar nicht daran interessiert sind, zu viele Leute zu vermitteln. Viel mehr wird darauf geschaut, dass die Arbeitslosenquote stabil bleibt - und damit auch das eigene Einkommen! Es ist wie so oft in der Politik - eine gute Idee, aber schlecht umgesetzt!
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    1. Antwort von u. Felber (Keule)
      kann man so nicht sagen, es gibt Kantone mit einer hammer niedriger arbeitslosen Quote. und wetten, dass da eben die rav Mitarbeiter dem arbeitslosen auch richtig dampf machen ?!
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  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Die Arbeitslosen müssen sich zusammenschliessen und eigene Netzwerke schaffen , sich nicht wie Schulbuben behandeln lassen , ihr braucht diese meist nutzlosen Behörden nicht. Gründet eigene Dienstleitungs -Unternehmen mit allen Berufssparten .
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    1. Antwort von W Streuli (Wernu)
      @Hr.Kaiser, Ihr Vorschlag klingt gewiss gut,vorallem für diejenigen der Arbeitslosen der Kategorie 50+ wäre dies eine Vision,die man ins Auge fassen sollte. Aber dazu Bedarf es nicht nur eines professionellen Marketings, sondern auch einen Kundenstamm um das ganze so einigermassen "kostendeckend" zu lancieren.Da stässt man in der Stadt Bern nicht gerade auf fruchtbaren Boden. Da müsste auch die Wirtschaft sowie Private sich solidarisieren und dies nicht nur mit "Lippenbekentnissen"
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    2. Antwort von M. Kaiser (Klarsicht)
      @ Streuli : Generell frage ich mich -warum lassen sich Spitzenkräfte denn überhaubt fix anstellen ? Wo doch die sogen.Unternehmer immer jammern sie hätten zu wenig Fachkräfte? Freie Mittarbeit und selbst die Honorarnote schreiben wie die Anwälte - fertig mit ausbeuten ! Wie brav lassen sie sich unter Wert verkaufen - nicht zu glauben wie ängstlich diese Leute sind. Ingenieure, Techniker, Polimechaniker etc. etc . spart für 2 J. Leben -ab dann habt ihr euer Tel für entgegennahme der Aufträge .
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  • Kommentar von Georg Tae (Georg)
    Fortsetzung: Die verantwortungsbewussten Arbeitssuchenden – und das ist die ganz grosse Mehrheit – werden nur noch mehr frustriert, weil sie viel Zeit und Aufwand für sinn- und aussichtslose „Spontanbewerbungen“ investieren müssen. Dies führt dazu, dass pro ausgeschriebene Stelle hunderte von „Bewerbungen“ verschickt werden, wovon der grösste Teil nur zum Ausweisen einer Arbeitsbemühung. In einer solchen Unkultur kann sich keine Empathie und Wertschätzung entwickeln und schon gar kein Vertrauen.
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    1. Antwort von A. Moser (AM)
      Und das wiederum führt dazu, dass viele Stellen erst gar nicht mehr ausgeschrieben werden! wer hat schon Zeit, über 200 Absagen zu schreiben - weil von den 200 Bewerbungen über 180 gar nicht erst den Anforderungen entsprechen? Aber es ist wie immer - die Behörden regulieren und verwalten - und die Wirtschaft darf es ausbaden!
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