Zum Inhalt springen

Schweiz «Sie haben einen Freund verloren»

Chinas Ministerpräsident weilt zu einem Arbeitsbesuch in Bern. Neben den Handelsbeziehungen soll es auch um die Menschenrechte gehen. Ein Reizthema, das 1999 einen legendären Wutausbruch provozierte.

Der 25. März 1999 ist für Bundesbern ein unvergessliches Datum. Auf Besuch ist damals der chinesische Staatspräsident Jiang Zemin. Zum Empfang bereit: der vollzählige Bundesrat – und Dutzende Exiltibeter. Diese protestieren lautstark auf dem Bundesplatz und auf Dächern in der Nachbarschaft gegen die Tibetpolitik von Peking.

Bundespräsidentin Dreifuss, Bundesräte Ogi, Koller, Villiger
Legende: Wo ist er denn? Staatspräsident Zemin lässt den Bundesrat warten. Keystone

Zemin ist so beleidigt, dass er den Bundesrat geschlagene 30 Minuten vor dem Bundeshaus warten lässt.

Dann liest er der gastgebenden Regierung die Leviten – von diplomatischer Zurückhaltung keine Spur: «Haben Sie nicht die Fähigkeit, dieses Land zu führen?», herrscht er Bundespräsidentin Ruth Dreifuss und deren Kollegen an. «Sie haben einen guten Freund verloren. Entschuldigen Sie, dass ich das sagen muss.»

Dreifuss reagiert an der anschliessenden Medienkonferenz gelassen. Zemin habe sich irritiert gezeigt, aber sie empfinde das nicht als Affront. Es sei wichtig, dass Freunde Probleme untereinander ansprechen können.

Immer dieselbe Anschlussfrage

Tatsächlich: Ein halbes Jahr später reist Pascal Couchepin nach China – mit einem guten Gefühl. Er habe in Peking angerufen, ob er überhaupt willkommen sei, erzählt der Bundesrat der «Tagesschau». Man habe ihm bestätigt, dass er sehr willkommen sei.

Es geht Couchepin natürlich um die Verbesserung der Handelsbeziehung zwischen den beiden Ländern. Und damals wie heute ist die Anschlussfrage an den Bundesrat dieselbe: «Und die Menschenrechte, sind sie auch ein Thema?» Sie sind und bleiben es.

Wenn heute Ministerpräsident Li Keqiang von Bundespräsident Maurer, Aussenminister Burkhalter und Wirtschaftsminister Schneider-Ammann empfangen wird, geht es einmal mehr um die Wirtschaftsbeziehungen. Die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen sind nach mehr als zwei Jahren Dauer erst vor einigen Tagen abgeschlossen worden.

Was bleibt, ist die Hoffnung

Auch die Exiltibeter haben noch immer Grund genug für einen lautstarken Empfang. Die Situation in ihrer Heimat hat sich nicht verbessert.

Schon lange vor dem Besuch Zemins, im August 1991, hat der Dalai Lama bereits mit dem Bundesrat die Lage der Tibeter diskutiert. Der «Tagesschau» sagt der Dalai Lama damals: «Die Welt ändert sich, auch in der Volksrepublik China. Die Dinge müssen sich ändern.» Glauben Sie, dass die Zeit für Sie und für ein freies Tibet arbeitet? «Ich hoffe es», antwortet der Lama mit einem Lächeln

Mehr als 20 Jahre später ist der Dalai Lama wieder in der Schweiz gewesen. Vor einigen Wochen. Wieder ist er in Bundesbern. Und wieder geht es um die Situation der Menschen in Tibet. Seine Hoffnung von damals ist nicht mehr als ein frommer Wunsch.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von M. Tisserand, Schweiz
    Herr Bauer, das tun wir doch schon lange, den Rechtsstaat ausser Kraft setzen. Beispiele dafür gibt es unzählige. Wer Augen hat zu sehen, der sehe...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Alex Bauert, Köniz
    Der Gast weiss wohin er geht - und hat sich dort auch als Gast zu benehmen. Die Schweiz ist ein Rechtsstaat und dieser wird nicht ausser Kraft gesetzt für paar ChinesenInnen, die zu Gast sind. Das müsste allen klar sein - den GästenInnen aus China und auch dem Herr T.Rosen aus Erlenbach.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Tom Rosen, Erlenbach
    Und er hatte recht. Es ist wichtig, dass in unserem Land (und auch überall sonst auf der Welt) die freie Meinungsäusserung als hohes Gut geschützt wird. Aber wenn man sich einen Gast nach Hause einlädt, von dem man weiss, dass in dessen vier Wänden nicht alles so läuft, wie man meint, dass es sein sollte, dann darf man ihn trotzdem nicht beleidigen, wenn er vor der Tür steht. Denn Dialog setzt Respekt und Höflichkeit voraus. Aber gute Kinderstube ist mittlerweile ebenso rar wie Menschenrecht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      Sie habe es erfasst. Der Ton macht die Musik. Gerade bei Asiaten muss man vorsichtig sein mit "hochnäsiger westler Kritik". Da werden alte Wunden aufgerissen, die auf die Kolonialzeit zurückgeführt werden können.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen