Verkaufs-Event statt Car-Reise Staatsanwalt ermittelt gegen Kaffeefahrten-Gauner

In der Schweiz läuft ein grosses Ermittlungsverfahren gegen Organisatoren von sogenannten Kaffeefahrten. Es gab Hausdurchsuchungen in mehreren Kantonen. Ein Hauptverdächtiger wurde in Untersuchungshaft genommen.

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Der «Kassensturz»-Reporter sprengt die Verkaufsvorstellung

0:16 min, vom 14.3.2017

Das Wichtigste in Kürze

  • Mit Gewinnversprechen wurden während Jahren zumeist ältere Personen zu Busfahrten gelockt, wo Ihnen Produkte zu oft überhöhten Preisen aufgeschwatzt wurden.
  • Strafanträge des Staatssekretariats für Wirtschaft, einer Konsumentenschutz-Organisation und von Privatpersonen führten zu einer aufwändigen Untersuchung und einem Verfahren.
  • Die Polizei führte in mehreren Kantonen fünf Hausdurchsuchungen durch.
  • Der mutmassliche Haupttäter wurde in U-Haft gesetzt und ist jetzt wieder frei. Er versteckte sich hinter Strohmännern und wechselnden Firmenbezeichnungen.
  • Die Verfahren gegen mehrere Nebenpersonen wurden mit einem Strafbefehl abgeschlossen oder eingestellt.

Die Ermittlungen gegen die Organisatoren dieser Kaffeefahrten laufen schon seit über einem Jahr. Letzten Frühling fand ein koordinierter Zugriff der Polizei statt. Die zuständige Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte des Kantons Uri bestätigte entsprechende Recherchen des Konsumentenmagazins «Espresso» von Radio SRF 1. Es handle sich um ein sehr aufwendiges Verfahren.

Die Urner Staatsanwaltschaft wird dabei unterstützt von der Urner Kantonspolizei und dem Kommissariat Wirtschaftspolizei der Stadt Zürich.

Mehrere Razzien

Im Februar 2016 hat eine koordinierte Polizeiaktion in mehreren Kantonen statt gefunden. Es gab fünf Hausdurchsuchungen. Der mutmassliche Haupttäter wurde in Untersuchungshaft genommen. Er ist unterdessen wieder frei.

Den Verdächtigen wird vorgeworfen, Kaffeefahrten in der Schweiz organisiert zu haben. Sie sollen dadurch gegen das UWG, das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, verstossen haben.

Undurchsichtiges Firmen-Konstrukt

Die Ermittlungen sind sehr komplex. Unter anderem, weil sich der mutmassliche Drahtzieher hinter Strohmännern und wechselnden Firmenbezeichnungen versteckt hat.

Auslöser des Verfahrens waren Strafanträge des Seco, des Staatssekretariats für Wirtschaft, einer Konsumentenschutz-Organisation sowie diverser Privatpersonen.

Gegen mehrere involvierte Nebenpersonen wurde das Verfahren inzwischen mit einem Strafbefehl abgeschlossen oder eingestellt.

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«Es kam mir vor wie eine Gehirnwäsche»

0:17 min, vom 14.3.2017

Die Ermittlungen der Urner Staatsanwaltschaft betreffen beispielsweise Kaffeefahrten, die unter dem Namen «Freizeit und Reisen» durchgeführt wurden. Absender der Einladungen mit falschen Gewinnversprechen war eine Postfachadresse in Wohlen (AG).

Neue Einladungen im Umlauf

Nach der Polizeiaktion im Februar 2016 tauchten eine Zeit lang keine solchen Einladungen mehr auf. Inzwischen werden wieder praktisch identische Lock-Briefe verschickt. Absender ist jedoch ein «Buchungsservice Süd» mit einer Postfach-Adresse in der süddeutschen Stadt Kandern.

Frühere Recherchen der Konsumenten-Sendung «Espresso» zeigten, dass die Hinterleute der Kaffeefahrten-Mafia aus dem Raum Cloppenburg in Norddeutschland agieren. Diese versteckten sich hinter einem Netz aus Strohmännern und Postfach-Adressen.

«Vilsana»-Kaffeefahrten: Wer dahinter steckt

Verschiedene Firmennamen und Personen tauchen im aktuellen und früheren Umfeld einer «Vilsana Product AG» immer wieder auf. Deren Spuren führen nach Glattbrugg, Cham, in den Raum Bremen (D), Cornwall (GB) und auch nach Österreich.

Die «Vilsana Product AG» wurde 2008 unter dem Namen «Caesar Touristik» mit Sitz in Glattbrugg (ZH) von Peter Schwarze gegründet. Dieser sass in Deutschland wegen Betrugs im Gefängnis und erhielt im Zusammenhang mit Busreisen mit Gewinnversprechen ein mehrjähriges Berufsverbot. Danach verlagerte er seine Tätigkeit in die Schweiz.

2010 übertrug Schwarze die «Caesar Touristik» Philipp Löw aus Oetwil an der Limmat. Löw gründete weitere Firmen, welche in Zusammenhang mit Kaffeefahrten in Erscheinung traten, beispielsweise die «SMA Swiss Media AG», die Zervartis AG (früher DVA Delta Vital AG) und die inzwischen liquidierte «Arriva Reisen AG».

Mählmann übernimmt

2011 übernahm der heutige «Vilsana»-Chef Peter Mählmann von Löw diese Firmen und gründete weitere in England.

Der «Vilsana» gehörte gemäss Angaben der Orell Füssli-Wirtschaftsdatei Teledata auch die «Buchungszentrale24» in Bremen. Eine Firma, die auf Konsumentenseiten in der Schweiz, in Deutschland und Österreich wiederholt in Warnungen vor Kaffeefahrten erwähnt wurde. Im Herbst 2011 wurde die «Buchungszentrale 24» wegen Zahlungsunfähigkeit aufgelöst.

Eine frühere Geschäftsführerin der «Buchungszentrale 24» und Vilsana-Gründer Schwarze sind inzwischen mit einer Finanzfirma in Opfikon aktiv, am früheren Sitz der Kaffeefahrten-Firma «Vilsana».

Dort residiert inzwischen auch Mählmann wieder mit einer Firma, welche mit Edelmetallen handelt. Diese Firma hatte innerhalb von knapp 3 Jahren 4 verschiedene Namen und wurde ursprünglich ebenfalls von Schwarze gegründet.

Die Fäden der «Vilsana»-Connection laufen offenbar im Raum Bremen/Cloppenburg zusammen. Dort sind oder waren verschiedene Firmen angesiedelt, die sehr ähnliche Namen tragen, wie die Schweizer Firmen aus dem «Vilsana»-Netzwerk. Bei der inzwischen liquidierten SMA S.W.I.S.S. in Bremen war Mählmann mit Wohnsitz Cloppenburg eingetragen und nicht Zürich wie bei seinen Schweizer Firmen.

Die Firmen des Peter Mählmann

  • VR Vilsana Product AG, Cham
  • VR SMA Swiss Media AG, Cham
  • VR Zervartis AG, Cham (19.6. 12 Konkurs)
  • VR Goldfit AG (2009: International Digital Signature & Marketing, 2010: CBA City Bau AG, 2011: Gold&Geld)
  • VR SMA LTD, England (seit Juni 2011)
  • VR Zervartis Ag LTD, England (seit Juni 2011)
  • Eurovertrieb LTD, England (seit August 2011)
  • Amandus Travel LTD, England (seit August 2011)
  • Lottotravel LTD, England (seit Juni 2011)
  • Arena Touristik LTD, England (seit März 2011)
  • Via Vilsana: 100% Inhaber der Buchungszentrale24 in Bremen (D) (Herbst 2011: zahlungsunfähig)

Namensverwandte frühere und aktuelle Firmen in Bremen (D):

  • Zervatis UG (im Vergleich zu CH und GB: ohne zweites «r»)
  • SMA S.W.I.S.S. Media UG (existierte 2011 nur für wenige Monate)
  • ARRIVA Reisen UG

In Österreich:

  • Auch in Wien findet sich eine Firma «Arriva Reisen», welche sicher bis Ende 2011 mit praktisch identischen Gewinnversprechen wie die «Vilsana» operierte.

TV-Tipp

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Mehr zu diesem Thema im «Kassensturz» heute, 21:05 Uhr auf SRF1.

«Kaffeefahrten»

Mit falschen Gewinn-Versprechen werden Leute zu Carfahrten gelockt, welche in Verkaufs-Veranstaltungen enden. Laut dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, UWG, ist dies verboten. Das Staatssekretariat für Wirtschaft, Seco, sammelt deshalb Meldungen und leitet rechtliche Schritte ein.

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