Umgang mit Dschihad-Touristen – von Deutschland lernen?

Keine Dschihad-Hotline für Angehörige: Das hat der Nationalrat am Montag beschlossen. Derweil prüft die Task Force des Fedpol weitere Massnahmen. In Deutschland ist man bereits weiter.

Ein Salafist von Lies! verteilt auf der Strasse Korane.

Bildlegende: Inschallah – wer bereit für den gerechten Kampf ist, der wird von Allah reich belohnt. So sehen das die Salafisten. Keystone

Nennen wir ihn Ibrahim. Ibrahim ist 14 Jahre alt. In der Schule hat er wenige Freunde, er ist schüchtern, hat schlechte Noten. Seine Mutter spricht kaum Deutsch, sein Vater ist oft nicht zuhause.

Ibrahim ist geschmeichelt, als ihn ein bärtiger Mann anspricht, einer wie er, aus Algerien. Der sagt ihm, dass mehr in ihm stecke, dass der Islam ihn brauche. Fragt ihn, ob er etwas von der reinen Lehre wisse. Bald darauf folgt eine verheissungsvolle Einladung: Ibrahim darf als Auserwählter mit ihm in die Koranschule kommen.

So oder ähnlich werden Jugendliche in Europa angeworben, auf Facebook, Youtube, in Vereinen. Zuerst scheint alles harmlos. Eltern und Freunde merken oft nichts.

Im schlimmsten Fall sind sie plötzlich weg, schreiben der Mutter, dass sie glücklich seien in Syrien, sie solle sich keine Sorgen machen. Die jungen Menschen sterben im Krieg, oder sie kehren zurück, ideologisiert, zuweilen auch traumatisiert und gewaltbereit.

So sieht es in der Schweiz aus

In der Schweiz gibt es schätzungsweise 400'000 Muslime. Bis heute verzeichnete der Nachrichtendienst 68 Dschihad-Reisende. Wie viele Salafisten es in der Schweiz gibt, ist nicht bekannt. Auch sind nicht alle Salafisten in gleichem Masse gewaltbereit.

Der Nachrichtendienst und die Strafverfolgungsbehörden kümmern sich um sie: Die Behörden überwachen das Internet und ermitteln in Verdachtsfällen. Manchmal bekommen sie Hinweise aus dem Umfeld eines Jugendlichen. Wenn der Nachrichtendienst auf einen Fall aufmerksam wird, spricht er mit dem Jugendlichen und den Eltern.

Den Pass entziehen kann die Polizei erst, wenn ein Strafverfahren eingeleitet wurde, wofür ein konkreter Verdacht für eine Straftat nötig ist. Das Fedpol schreibt: Man habe bisher keine praxistaugliche Handhabe, Willige daran zu hindern, ins Konfliktgebiet zu reisen.

Für die Prävention sind die Kantone zuständig. Die verweisen meist auf bestehende Stellen, allgemeine Notrufnummern, lokale Jugendnetzwerke, Schulen.

So sieht die Prävention aus

«Salafisten sind Systemfeinde, daher wollen sie nicht von einem Schulsozialarbeiter und schon gar nicht von der Polizei beraten werden», sagt Cornelia Lotthammer von der Organisation Violence Prevention Network (VPN). Die Organisation ist führend in Deutschland, was die Arbeit mit ideologisierten, gewaltbereiten Jugendlichen angeht. VPN arbeitet mit Radikalisierten, bietet Workshops in Schulen an, spricht mit Eltern, interveniert in Gefängnissen, nimmt sich der Rückkehrer an.

«Religiöser Extremismus braucht spezifische Argumente, um ihn zu entkräften», sagt Lotthammer. Zudem akzeptieren Radikalisierte Ihresgleichen eher. Bei VPN arbeiten deshalb auch Muslime.

«Die betroffenen Jugendliche sind oft religiöse Analphabeten, sie haben keine Ahnung von ihrer Religion», sagt Thomas Mücke, Geschäftsführer des VPN und selber in der Jugendarbeit tätig. «Sie konvertieren nicht in den Islam, sondern in den Extremismus», führt er weiter aus.

So sieht die Bilanz aus

Wie effektiv Organisationen wie VPN sind, lässt sich schwer in Zahlen fassen. Von jenen, die im Gefängnis und in einem Trainingskurs von VPN waren, sind nur 17,6 Prozent reinhaftiert worden, im deutschen Durchschnitt sind es 45,1 Prozent. Langzeitstudien gibt es allerdings nicht. Die Arbeit mit Radikalisierten ist jung. VPN begann 2007. Richtig Fahrt hat die Organisation erst in den letzten zwei drei Jahren aufgenommen.


Doch keine Jihadisten-Hotline

1:44 min, aus Rendez-vous vom 29.05.2015

Braucht es in der Schweiz Programme zur Prävention? Die Schweiz ist kein erklärtes Anschlagsziel des IS. Und in der Schweiz gibt es

keine Parallelgesellschaften wie in Deutschland, Frankreich oder Grossbritannien, keine radikalen Moscheen. Doch gibt es auch in der Schweiz Radikalisierte, Ausreisewillige und Rückkehrer.

Am Montag hat der Nationalrat beschlossen, keine spezielle Telefon-Hotline fürs Umfeld der Radikalisierten einzurichten. Die Task Force unter der Leitung des Fedpol prüft derweil weitere Massnahmen. Die meisten Kantone warten punkto Prävention erst einmal ab. Warten, bis es vielleicht zu spät ist für ein paar weitere Anschlagsopfer? Diese Frage kann niemand beantworten.

(SRF 4 News, 2.6.2015, 19:00 Uhr)

Schweizer im Dschihad

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Warum reisen Schweizer in den Heiligen Krieg? Und warum tun sich die Geheimdienste so schwer damit, dies zu verhindern? Antworten darauf finden Sie in unserem Special.

Das wird vom Fedpol geprüft

Die Task Force des Fedpol analysiert gegenwärtig geeignete Massnahmen für die Schweiz. Dabei geht es vor allem um die Prävention. Im Herbst wird der nächste Bericht publiziert. Hier die Evaluierungs-Punkte.