Syngenta und ChemChina – zu schön, um wahr zu sein?

Die angekündigte Übernahme von Syngenta durch den chinesischen Staatskonzern ChemChina hat fast überall ein positives Echo ausgelöst. Anders sieht es bei den Aktionärsvertretern aus: Sie trauen den vollmundigen Ankündigungen des Managements nicht so ganz.

ChemChina Hauptquartier in Pekihng.

Bildlegende: Auf zu neuen Ufern? Vertreter der Aktionäre sehen dem chinesischen Abenteuer skeptisch gegenüber. Keystone

Roby Tschopp ist Ingenieur. Und als solcher gewohnt, die Dinge nüchtern zu analysieren. Das nutzt ihm auch in seinem Zweitjob – als Geschäftsführer der Aktionärsvereinigung Actares, die sich für nachhaltiges Wirtschaften einsetzt. Nach erster Analyse des Angebots von ChemChina an die Syngenta-Aktionäre sagt Tschopp: «Die Übernahme würden wir wahrscheinlich nicht empfehlen.»

Ein zweiter Fall Alstom?

Ein Grund dafür ist, aus Sicht des Aktionärsschützers: Die beiden Konzerne hätten nicht genügend Garantien für die Schweizer Arbeitsplätze gegeben. Und das trotz wiederholter Beteuerungen des Syngenta-Managements, dass das Schweizer Geschäft in seiner jetzigen Form bestehen bleibe. «Der Fall Alstom und General Electric zeigt, dass solche Versprechen nicht unbedingt eingehalten werden. Formell müsste viel mehr bestehen, als lediglich mündliche Zugeständnisse», kritisiert Tschopp.

Der US-Konzern General Electric (GE) hatte Mitte 2014 den französischen Energiekonzern Alstom übernommen, der auch Werke in der Schweiz hat. Mitte Januar hat GE angekündigt, ein Viertel der Schweizer Stellen zu streichen.

Die «Black Box» Syngenta

Mit seiner Skepsis ist der Actares-Geschäftsführer nicht allein. Auch Philipp Leu, der mit seiner Firma Inrate Aktien auf ihre Nachhaltigkeit prüft und dann Empfehlungen für die Aktionäre abgibt, traut den mündlichen Arbeitsplatzgarantien nicht. Sie hätten erfahrungsgemäss nur eine kurze Halbwertszeit. «Die Wahrscheinlichkeit, dass das ganze Know-how nach China abwandern wird, würde ich als hoch betrachten.» Sicher nicht kurzfristig, aber wahrscheinlich mittel- und langfristig, gibt Leu zu bedenken. China habe ein strategisches Interesse, Agrar-Know-how im eigenen Land aufzubauen, und zwar möglichst früh in der Wertschöpfungskette. «Es ist ein logischer Schritt, dass man das Know-how im eigenen Land haben will.»

Actares-Geschäftsführer Tschopp warnt vor weiteren Risiken der chinesischen Hochzeit: «Wir denken, dass Syngenta mit seinem Know-how und den Produkten eine Art Black Box wird», sagt er. Der Agrarchemiekonzern, der auch umstrittene Gentech-Saaten produziert, sei noch nie sehr transparent gewesen.

Wie sieht's mit der Umwelt aus?

Eine dritte Schweizer Aktionärsvereinigung, die sich für nachhaltiges Investieren einsetzt, Ethos, hat Syngenta schon länger von der Liste empfohlener Unternehmen gestrichen. «Die ganze Wahrheit auf den Tisch zu bringen ist mit Syngenta sehr schwierig», sagt Tschopp. Das dürfte sich unter den chinesischen Eigentümern noch deutlich verschlechtern.

Skepsis sei auch angebracht, wenn ChemChina beteuere, die Umweltstandards von Syngenta zu übernehmen. «In der Schweiz werden Umweltstandards wohl schon eingehalten.» Syngenta mache allerdings 90 Prozent seines Umsatzes im Ausland, auch in Schwellenländern. Dort seien die Regulierungen sehr viel schwächer, gibt Tschopp zu bedenken.

Die Vermutung, dass sich Syngenta – unter neuen Eigentümern – künftig noch weniger in die Karten blicken lasse, weist Syngenta-Chef John Ramsay umgehend zurück: «Wir werden auch künftig mit der Öffentlichkeit zusammenarbeiten, wie wir das bisher auch gemacht haben», sagt der Brite. Und auch künftig Finanzberichte nach bisherigen Standards abliefern. Ob das auch dann noch gilt, wenn Syngenta wie angekündigt von der Börse genommen wird, ist allerdings unklar.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Der Chemie-Riese ChemChina greift nach dem Schweizer Agrarchemie-Konzern Syngenta. Es dürfte die bisher teuerste Firmenübernahme werden, die die Volksrepublik China je getätigt hat.

    Syngenta - die teuerste Übernahme der Volksrepublik China

    Aus Rendez-vous vom 3.2.2016

    Nicht zum ersten Mal kauft der chinesische Staatskonzern China National Chemical Corporation ein grosses europäisches Unternehmen, auch der italienische Reifenhersteller Pirelli gehört mittlerweile ChemChina. Was ist die Strategie der Chinesen?

    Anna Lemmenmeier