Verzögert teurer AKW-Rückbau die Energiewende?

Die Stromkonzerne müssen für die Abschaltung ihrer Atomkraftwerke mehr Geld zur Seite legen. Wer soll das bezahlen? Der Kunde nicht – so heisst es seitens der Betreiber. Gehen die Rücklagen auf Kosten alternativer Energien?

Solarkollektoren in Giubiasco im Kanton Tessin.

Bildlegende: Drücken Kostensenkungen auf die Förderungen erneuerbarer Energien? Solarkollektoren in Giubiasco im Kanton Tessin. Keystone

Atomstrom ist teuer. Vor allem wenn man nicht nur an die Produktionskosten denkt, sondern auch daran, dass ein Kernkraftwerk nach seiner Stilllegung mit grossem Aufwand zurückgebaut werden muss, damit keine Radioaktivität in die Umwelt gelangt.

Marianne Zünd ist Sprecherin des Bundesamtes für Energie. Sie sagt: «Es hat sich gezeigt, dass in den letzten rund zehn Jahren die Kosten für die Entsorgungs- und Stilllegungstechnologien stark gestiegen sind. Das bedeutet: Man muss die Annahmen, die zur Berechnung der Beiträge herangezogen werden, entsprechen anpassen.»

«Bundesrat schiesst übers Ziel hinaus»

Für die Stilllegung des AKW Mühleberg rechnet dessen Betreiberfirma BKW heute mit Kosten in Höhe von 2,6 Milliarden Franken. «Die BKW steht zur ihrer Verpflichtung, für die Stilllegung und Entsorgung genügend Rückstellungen zu bilden. Wir haben bereits jetzt die notwendigen Massnahmen ergriffen. Die vom Bundesrat vorgeschlagenen Massnahmen schiessen über das Ziel hinaus», sagt BKW-Sprecher Antonio Sommavilla.

Die deutliche Erhöhung der Beiträge habe unerwünschte Folgen, dagegen habe sich das heutige Berechnungsmodell bewährt, sagt Sommavilla. «Mit der Änderung, die der Bundesrat anstrebt, werden deutlich höhere Einzahlungen nötig. Diese finanziellen Mittel könnte man in den Umbau des Energiesystems stecken.»

Dieses Argument will Zünd vom Bundesamt für Energie nicht gelten lassen: «Wir nehmen kein Geld von möglichen Investitionen in erneuerbare Energien weg. Die Kosten müssen von den Betreibern sowieso übernommen werden.»

Strompreis hängt an der Konjunktur

Bis heute werden die Kosten für den Entsorgungsfonds auf den Strompreis aufgeschlagen. Das sind etwa 0,8 Rappen pro Kilowattstunde.

Ob nun auch die Erhöhung der Rückstellungen über den Strompreis abgefedert werden kann, hängt nicht zuletzt von der Wirtschaftslage ab. Denn läuft die Wirtschaft, brauchen die Betriebe viel Strom, dann steigen die Preise. Läuft der Wirtschaftsmotor weniger, gibt es zu viel Strom. Er kostet weniger – so wie heute. Das räumt auch Marianne Zünd ein. Aber sie merkt an: Würde man bei grossen Stromkunden die kompletten Beiträge umschlagen, könnte man nicht mehr konkurrenzfähig sein.


Mehr Geld für AKW-Stilllegung

3:00 min, aus Rendez-vous vom 15.08.2013

Kein höherer Strompreis

Wettbewerbsfähigkeit ist das Stichwort. Deshalb wird die BKW die Strompreise nicht erhöhen: «Der Entscheid des Bundesrates, die Parameter anzupassen, hat keinen direkten Einfluss auf den Strompreis», sagt BKW-Sprecher Sommavilla.

Kein höherer Strompreis heisst aber auch: Axpo, BKW und Alpiq müssen die höheren Kosten für die Entsorgung und den Rückbau entweder anderweitig erwirtschaften oder ihre Ausgaben senken.

Weil die Stromkonzerne aber noch keinen Ausweg aus dem Atomstrom gefunden haben, ist in der aktuellen Situation eine Kostensenkung wahrscheinlicher – auch auf Kosten von Ausbauprojekten erneuerbarer Energien.