Wenn man vor lauter Fichten den Wald nicht mehr sieht

Im Schweizer Mittelland dominierten Fichtenwälder. Doch diese Baumart gehört eigentlich ins Gebirge. Statt eintönigem Immergrün sollen daher vermehrt wieder Laubbäume wachsen – und so die Artenvielfalt vergrössern.

Fichtenwald im Nebel

Bildlegende: Der Schweizer Wald soll wieder vielfältiger werden. Imago/Blickwinkel

Strassen, Agglomerationen, dazwischen Äcker und ab und zu ein Flecken Wald – das Mittelland präsentiert sich wenig naturnah. Doch auf die ganze Schweiz verteilt stehen auf einem Drittel der Landesfläche Bäume. Und dieser Anteil wächst: Allein zwischen 1984 und 2006 wuchs die Waldfläche um acht Prozent, vor allem in den Alpen und Voralpen.

Aber Wald heisst nicht Wildnis, ganz im Gegenteil: «Der Wald, den wir heute im Mittelland antreffen, ist überwiegend vom Menschen gestaltet», erklärt Karin Hilfiker. Die studierte Forstingenieurin erklärt, dass die Bauern die Wälder früher intensiv nutzten: «Um ohne viel Aufwand Brennholz und Stecken für Zäune zu ernten, wurden die Bäume im 18. Jahrhundert alle 20 Jahre auf den Stock geschlagen, also massiv gestutzt.» Zudem trieb man die Schweine zur Eichelmast in den Wald.

Weg von der Monokultur

In den Alpen wiederum wurden damals ganze Bergrücken entwaldet, um Brenn- und Bauholz zu gewinnen. Erst das strenge Forstpolizeigesetz von 1876 bereitete diesem Raubbau ein Ende. Dennoch blieb der Wald wirtschaftlich wichtig. Vor allem im Mittelland begannen die Waldbesitzer, im grossen Stil die eigentlich voralpine Fichte zu setzen. Das führte zu uniformen Tannenwäldern, welche die Schweizer Landschaft im 20. Jahrhundert prägten.

«Vor 20 Jahren hat dann ein Umdenken eingesetzt», freut sich Hilfiker. Trumpf sind nun standortgerechte Baumarten, die angesichts des drohenden Klimawandels robuster sind. Während viele Waldbesitzer weiterhin an den wüchsigen und deshalb besonders lukrativen Nadelbäumen wie Rottanne, Douglasie und Lärche festhalten, drängt der Gesetzgeber zunehmend auf eine grössere Artenvielfalt.

Besonders standortgerechte Laubbäume, von der Elsbeere und dem Speierling über den Wilden Apfelbaum bis hin zur Waldkirsche, sollen wieder unsere Wälder prägen. Sehr erwünscht sind auch Eichen als Biotop vieler Insektenarten und als Habitatbaum für den selten gewordenen Mittelspecht. Der knorrige Riese braucht allerdings jahrzehntelange Hege, damit Wildverbiss und Schattenwurf den jungen Bäumen nicht ein frühes Ende bereiten. Sind an einem Standort bereits sogenannte Mutterbäume vorhanden, kann man auf das Prinzip der Naturverjüngung setzen: Man lichtet einen Teil des Waldes, womit die jungen Bäume Licht und Raum haben, um zu wachsen.

Keine herausgeputzten Wälder mehr

Auch mit den herausgeputzten Wäldern, wie sie noch in den 1970er-Jahren der Stolz jedes Försters waren, ist Schluss. Einerseits sammelt kaum mehr jemand grössere Mengen von Brennholz ein. Andererseits bietet das liegengebliebene Holz eine Lebensgrundslage für unzählige Kleinstlebewesen. Seit gut 20 Jahren werden in der Schweiz Waldreservate ausgeschieden, wo sich der Wald ohne Einfluss des Menschen entwickeln kann.

Dass die Bäume nicht überall in den Himmel wachsen, dafür sorgt Forstingenieurin Karin Hilfiker an ihrer neuen Stelle, die sie Anfang Jahr angetreten hat: Als Mitarbeiterin im Team «Natur und Naturrisiken» lässt sie rechtzeitig Fälltrupps aufmarschieren, wenn der Wald entlang der Bahngeleise zum Störfaktor zu werden droht.

Sendehinweis

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Waldbewirtschaftung ist teuer und die Aufwertung des Frankens macht den Waldbesitzern und Holzverarbeitern zu schaffen. «Doch seit 2006 erlebt Holz als Baustoff ein Revival und wächst doppelt so schnell als der Baumarkt insgesamt», sagt Alfred Kammerhofer, Chef der Sektion Holzwirtschaft und Waldwirtschaft beim Bundesamt für Umwelt.

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