«Bankomaten werden dauernd leergeräumt»

Seit Montag gelten in Griechenland Beschränkungen für den Kapitalverkehr. Zwei Tage lang waren alle Banken geschlossen. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft sind enorm, die Zukunft düster.

Ein Mann hält seine Rente, 120 Euro, in den Händen.

Bildlegende: Er hat das Schlangestehen hinter sich: Ein Rentner hält 120 Euro in bar in den Händen. Reuters

Ein kleiner Teil der griechischen Banken ist wieder offen. Aber nur für Rentner, die ihre Rente nicht am Bankomaten, sondern am Schalter beziehen. Darum standen heute zehntausende ältere Leute Schlange, manchmal stundenlang an der prallen Sonne. Christoforos stand hinter dem Schalter. Er ist leitender Angestellter einer griechischen Grossbank. Auch für ihn war der heutige Tag eine Anstrengung.

«Wir müssen dauernd Bewilligungen der Europäischen Zentralbank einholen, um damit Geldscheine zu beziehen, die wir dann im ganzen Land in der richtigen Grösse verteilen, während dem gleichzeitig sämtliche Automaten dauernd leergeräumt werden», erzählt er. Bis jetzt habe das einigermassen geklappt.

Banker geht von Kettenreaktion aus

«Aber wie lange noch?» Darauf hat Christoforos keine Antwort. Dass die Banken wie versprochen am nächsten Montag wieder für alle offen sind, glaubt er nicht. Er hoffe es zwar. Doch seit die Europäische Zentralbank am Sonntag aufgehört hat, die griechischen Banken mit Geld zu versorgen, gehe es steil abwärts, sagt er.

«Je länger die Banken zu bleiben, desto schneller fällt die ganze Wirtschaft zusammen, ein Kollaps.» Christoforos erklärt es an konkreten Beispielen. «Es ist nicht erlaubt Geld von einem griechischen auf ein ausländisches Konto zu überweisen. Das trifft all jene, die im Ausland zum Beispiel Rohmaterial kaufen müssen.» Ein Produzent von Textilien etwa, der die Baumwolle im Ausland bezieht. Die Folgen sind enorm – Christoforos rechnet mit einer Kettenreaktion.

Ausnahmen werden zu spät bewilligt

Die ganze Wirtschaft werde leiden, sagt er. Das sieht auch Filippos Sachinidis so. Er arbeitete für die griechische Nationalbank, war einst Finanzminister für die sozialistische PASOK-Partei. Er ist jetzt wieder im Finanzsektor tätig.

Die Regierung Tsipras habe zwar ein Büro geschaffen, das Geldüberweisungen ins Ausland in gewissen Fällen zulässt. Von diesem Büro hält Sachinidis aber wenig. Bürokratische Abläufe machten es schwierig, dass eine Firma rechtzeitig zu einer solchen Bewilligung komme. Die Schliessung der Banken und die Einschränkung des Kapitalverkehrs werde das Land noch an einem ganz anderen Punkt treffen.

Steuerrechnungen bleiben unbezahlt

An einem sehr heiklen Punkt, sagt Sachinidis: «Ich sehe bei den Einnahmen grosse Probleme.» Denn viele Leute werden jetzt aufhören, ihre Steuern zu zahlen, mit dem Vorwand, die Banken seien geschlossen. «Wenn man kein oder nur wenig Geld beziehen kann», sagt der Ökonom, «dann wird man auch keines einzahlen».

Es stellt sich die Frage: Wie viel Geld ist derzeit noch in der Staatskasse, um die Renten und die Löhne Ende Monat zu zahlen? Der ehemalige Finanzminister lässt die Frage offen. Viele rechnen damit, dass Griechenland wieder tief in die Rezession rutscht.

Für 2016 gibt Sachinidis keine Prognose, aber er macht deutlich, dass die Probleme derzeit überwältigend sind. Das für ihn zentrale: «Die Regierung muss die Glaubwürdigkeit wieder aufbauen. Das ist ein Prozess, der wohl jahrelang dauert.»

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