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International Hilfe für die Ukraine oder trojanisches Pferd aus Moskau?

Rund 280 Lastwagen mit Hilfsmitteln haben die Region Moskau Richtung ukrainische Grenze verlassen. Die ukrainische Regierung traut den russischen Lastwagen nicht – und befürchtet eine Finte Moskaus für eine militärische Invasion. ORF-Korrespondentin Carola Schneider schätzt die Lage ein.

SRF: Ist der Lastwagenkonvoi wirklich Hilfe oder trojanisches Pferd?

Carola Schneider: Eine schwierige Frage. Moskau sagt, es sei ein Hilfskonvoi, ein trojanisches Pferd haben bis zu Letzt die Ukraine und die westliche Staatengemeinschaft befürchtet. Noch heute früh hat Frankreichs Aussenminister Laurent Fabius gesagt, dieser Hilfskonvoi könnte eine Tarnung sein, dass Russland so dauerhafte militärische Präsenz in der Ukraine schaffen will. Bisher sieht es aber nicht danach aus: Die Lkws haben Hilfsgüter geladen, Trinkwasser, Medikamente, Schlafsäcke. Sie werden auch nicht militärisch begleitet. Das ist zumindest das, was offiziell vor den Kameras gezeigt wird.

Es braucht für die Akzeptanz des Konvois die Autorisierung des Roten Kreuzes. Wie hat man dort reagiert?

Dort scheint man regelrecht überrumpelt worden zu sein. Zwar hat gestern Abend der russische Präsident Putin laut verkündet, dass das Rote Kreuz diese Hilfsmission leite, dort aber kennt man bisher keine Details. Man weiss weder, wohin der Konvoi konkret fährt, noch was er genau transportiert.

Präsident Putin hat es offenbar eilig gehabt, die Lastwagen loszuschicken. Mit dieser Aktion wird er sicher bei den Russen punkten, aber auch bei den Ostukrainern. Diese werden sich wohl noch lange daran erinnern, dass ihnen Moskau Hilfe geschickt hat, während Kiew Bomben wirft.

Der Konvoi soll nicht militärisch begleitet werden. Gibt es aber eine Zusicherung, dass keine russischen Truppen einmarschieren werden? Diese stehen ja schon länger an der Grenze.

Es gibt eine mündliche Zusicherung des Kremls. Dort heisst es gebetsmühlenartig, die Armee sei in keiner Weise in die Organisation des Hilfskonvois involviert. Das rote Kreuz soll aber bisher keine schriftlichen Garantien erhalten haben. Für einen solchen Konvoi braucht es internationale Zusicherungen von allen Seiten, was die Sicherheit und Unparteilichkeit angeht. Diese Papiere liegen bislang offenbar noch nicht vor.

Es gibt aber auch keine konkreten Hinweise, dass Moskau etwas im Schilde führt. Das Misstrauen ist trotzdem gross im Westen und in der Ukraine, aber auch in Russland selber. Zu oft hat Putin das eine gesagt und das andere gemacht.

Das Verhalten des Russischen Präsidenten mutet merkwürdig an: Einerseits beliefert er die Separatisten in der Ukraine mit Waffen, andererseits schickt er Hilfe. Was bezweckt Putin damit?

Dass Russland jetzt so vorprescht, ohne die Zustimmung Kiews und des Roten Kreuzes abzuwarten, damit will Putin Zeichen setzen: Dass Russland als erstes hilft, während der Westen zögert. Dass Russland in diesem Konflikt das Heft in der Hand behält.

Die Entsendung eines Hilfskonvois bedeutet aber nicht einen grundlegenden Strategiewechsel. Das bedeutet nicht, dass Putin keine Waffen oder russischen Geheimdienstoffiziere mehr in die Ukraine schickt. Er wird als humanitärer Helfer Sympathiepunkte sammeln, und gleichzeitig den Konflikt weiter schüren.

Das Gespräch führte Simone Fatzer

61 Kommentare

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  • Kommentar von E. Waeden, Kt. Zürich
    Eben im Radio gehört: Die Amerikaner sind sehr skeptisch gegenüber der humanen Hilfe aus Russland. Man werde das ganz genau beobachten. Wieder der Beweis dafür, woher die Regierung in Kiew die Order empfängt zu handeln wie sie handelt. Wann distanziert sich die EU nicht nur von Amerika, sondern auch von der Ukraine? Es wäre allerhöchste Zeit es zu tun, denn wir wollen keinen Krieg!
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    1. Antwort von Roger Stahn, Fraubrunnen
      Wäre die Lage in der Ostukraine, aufgrund der Bombardierung nicht dermassen verzweifelt, könnte man über diese Realsatire lachen. Gerade diejenigen -Führer der westlichen Wertegemeinschaft- zeigen auf Russland & drohen mit zusätzlichen Konsequenzen, welche unter dem Vorwand "humanitärer Interventionen" in der vergangenen Dekaden ein gutes Dutzend Länder zusammenschiessen liessen (zuletzt Lybien), warnen nun Russland vor einer "humanitären Intervention" in der Ukraine. Doppelmoral?
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  • Kommentar von F. Rudin, Schweiz
    Putin ist in der Krise direkt involviert (Annexion Krim). Deshalb ist eine gewisse Skepsis wohl angebracht. Aus Sicht der Ukraine wäre es fahrlässig dem Einmarschierer in die Krim einfach die Tore zu öffnen. Selbst wenn er jetzt Gutes tun will, und es ernst meint, macht ihn seine Vergangenheit leider nicht vertrauenswürdig. Vertrauensaufbau braucht sehr lange und viele Beweise.
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    1. Antwort von Roger Stahn, Fraubrunnen
      Es würde mich interessieren, F. Rudin, wo im Gegensatz zu Präsident Putin, Kiew, USA, EU, NATO, ATO in der ganzen humanitären Krise in der Ostukraine nur ein Gutes getan hat? Das ist keine rhetorische Frage.
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    2. Antwort von F. Rudin, Schweiz
      @Stahn: Wenn geschrieben steht, dass sich die Bevölkerung für die Hilfe für den Wiederaufbau und die Befreiung der Stadt von den militanten Separatisten bedankt, so sind Sie - vielleicht zu Recht - skeptisch. Aber wenn Putin Lastwagen schickt, dann sind diese zweifelsohne nur mit Hilfsgütern beladen. Die Geschichte würde anders aussehen, wenn Troja mehr Skepsis angewandt statt die Tore einfach geöffnet hätte.Da immer der Sieger die Geschichte schreibt, ist schwer zu sagen was besser gewesen wäre
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    3. Antwort von Roger Stahn, Fraubrunnen
      Ok, F. Rudin, beantwortet noch nicht ganz die Frage wer Gutes getan hat. Was ich aber nicht verstehe ist, dass wenn Sie sich auf den griechischen Dichter Homer beziehen wollen & auf die List des trojanischen Pferdes -ein Mythos der Odyssee-, warum soll es nun reell >vorher< für den Kreml monatelang gelungen sein, ungehindert Kriegsmaterial -durch die Mauern von Troja- über die Grenze der Ukraine zu schleusen, wie es die hiesigen Medien gebetsmühleartig behaupteten, wie erklären Sie dies nun?
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    4. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Wer hat jetzt unter die OSZE Leute, welche nicht legitimiert waren mit dieser neutralen Organisation in die Ost-Ukraine zu reisen geschmuggelt? Fakt ist: Nur wer selber in böser Absicht handelt, setzt es auch bei anderen voraus. Und hört man sie die Reden des Aussenminister in Kiew an denkt man: Der ist ja völlig....na ja!
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  • Kommentar von Daniel Briner, Neerach
    Hier sind doch einige Kommentatoren vom russischen trojanischen Pferd gebissen, sie jetzt die erste, überhaupt weit & breit einzige humanitäre Hilfe, die zu den eingeschlossen Zivilisten in den Grossstädten der Ostukraine unterwegs ist, als reine russische Kriegstaktik, sogar als reine Scheinheiligkeit verunglimpfen; dagegen IKRK & OECD abwartend zuschauen, US-EU-NATO die ukrainischen Neonazis aktiv militärisch unterstützen. Der CH-BR ganz nah mit Denen ist, ist so abartig, beschämend für CH!
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    1. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Und obwohl das IKRK mittlerweile bestätigt hat, dass sie die Lastwagen an der Grenze zur Ukraine übernehmen werden um die Hilfsgüter zu verteilen, will sie die Regierung in Kiew nicht durchlassen. Sagt ja alles aus!
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