Neue «Charlie Hebdo»-Ausgabe ist keine Trauernummer

«Charlie Hebdo» will nicht schweigen. Deshalb erscheint die morgige Nummer, die erste nach dem Massaker, nicht in einer Auflage von 60'000 wie sonst, sondern in einer von drei Millionen, wie die Blattmacher vor den Medien verkündeten.

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Nummer 1 nach dem Attentat

1:16 min, aus Tagesschau vom 13.1.2015

Der Zeichner Luz, der das Titelblatt entwarf, hat am Anfang Mühe, die richtigen Worte – oder überhaupt Worte – zu finden. Die überlebenden Karikaturisten und Redaktoren hätten sehr schwierige Tage durchlebt, sagt er, das Schwierigste sei es gewesen, anzufangen. Er habe nicht gewusst, ob er die Kraft habe, wieder anzufangen, wenn er von sich selbst, von «Charlie Hebdo» sprechen müsse.

Tränen in den Augen von Mohammed und Luz

Gérard Biard (links) und Journalist Patrick Pelloux (rechts) trösten an der Pressekonferenz den Karikaturisten Luz.

Bildlegende: Gérard Biard (links) und Journalist Patrick Pelloux (rechts) trösten an der Pressekonferenz ihren Kollegen Luz. Reuters

Doch irgendwie hat er es geschafft. Auf einem grünen Hintergrund zeichnet er den Propheten, der selbst ein Schild trägt mit der Aufschrift «Je suis Charlie». Darüber steht «Tout est pardonné». Alles ist vergeben. Als die Zeichnung stand, sei für ihn ein Damm gebrochen, sagt Luz. Es sei wie ein reinigendes Gewitter gewesen.

Der Mohammed von «Charlie Hebdo» sei vor allem ein «Bonhomme qui pleure»; ein Typ, der Tränen in den Augen habe. Er sei viel sympathischer als der Mohammed, den die Fanatiker vor Augen hätten. Und dann beginnt Luz, über die Ereignisse von letzter Woche zu sprechen: «Den Leuten, die diesen Anschlag verübt haben, fehlt es einfach an Humor. Sie sind auf der ersten Stufe stehen geblieben.»

Scherze über Autoritäten nicht selbstverständlich

Denn die Intelligenz habe zwei Stufen: Eine erste Stufe, auf der alles ernst sei, und eine zweite, die Stufe des Humors. «Wir glauben an die Intelligenz der Leute, wir glauben an die Intelligenz des Humors, wir glauben an die Intelligenz der zweiten Stufe.» In einer Gesellschaft müsse man für den Platz dieser zweiten Stufe kämpfen. Es sei nicht in allen Ländern selbstverständlich, dass man sich über den Staatspräsidenten oder andere Autoritäten lustig machen dürfe. Diese zweite Stufe sei aber für die Freiheit einer Gesellschaft wichtig. Dann fehlen Luz die Worte.


«Charlie Hebdo» lebt weiter

3:13 min, aus Echo der Zeit vom 13.01.2015

Chefredaktor Gérard Biard meint ergänzend, die morgige Ausgabe sei keine Trauernummer. Charlie bleibe Charlie, mache sich wie immer über Bischöfe, Rabbiner und Imame lustig. Doch ausser der Titelseite ist bis jetzt nichts über den Inhalt bekannt. Zum Schluss, dankte der Chefredaktor allen neuen Abonnenten. Zwei hebt er hervor: «Wir danken besonders Arnold Schwarzenegger, der allein zehn Leser wert ist. Und George Clooney. So werden alle Leserinnen seine Adresse haben.»

Charlie hat den Humor trotz allem nicht verloren. Und das ist fast schon eine Intelligenz der dritten Stufe.